Abschied von Ole

Unser treuer Ole... im besten Licht und vor einzigartiger Kulisse
Unser treuer Ole... im besten Licht und vor einzigartiger Kulisse

... Ein trauriger Artikel... mit vielen unerwarteten Wendungen... und einem Abschied, vor dem wir lange gezittert haben und wehmütig häufig vorausgedacht haben... und am Ende? Am Ende konnten wir unser Glück kaum fassen. Glück im Unglück möchte man meinen, aber so spielt eben das Leben und warum sollte es uns anders gehen, als vielen Backpackern vor uns?

 

Aber zurück zum Morgen des 07.08.2017: Ein Morgen voller Regen. Bei Blick auf die Wettervorhersage war schnell klar, dass heute an Arbeit nicht zu denken war. Perfekt, auf so einen Tag hatten Kai und ich gewartet. In weniger als einem Monat sollte unser Rückflug gehen und uns stand eine Mammutaufgabe noch bevor: Der Autoverkauf! Natürlich wussten wir, dass das schnell und vergleichsweise unkompliziert über die Bühne gehen kann, WENN man nur einen Käufer findet. Zumal man ja auch nicht allzuviele Miese machen will. Da kam es immer ganz auf die Nachfrage an. Bisher waren noch nicht so viele neue suchende Backpacker in Neuseeland gelandet, aber es gab auch nicht mehr ganz so viele, die mit ihren Autos den Markt überschwemmten. Da konnte man nur das Beste hoffen und sein Auto bestmöglich anbieten. Das perfekte Foto für einen astreinen Auftritt unseres Oles hatten wir damals am Cape Palliser gemacht. Bilder vom Innenleben und von der Ausrüstung könnten wir später noch knipsen. Heute an einem regnerischen Tag kam das sicher nicht so verkaufsfreundlich an... aber wofür dieser freie Tag perfekt schien, war eine Fahrt in die nächste Werkstatt um den WOF nochmal zu erneuern. Wir erinnern uns: Warranty of Fitness, vergleichbar mit unserem TÜV. Unser WOF ging eigentlich noch bis zum 30.09.2017 und damit wäre das Auto auch so verkaufbar... aber einen besseren Eindruck machte natürlich ein frischer WOF und gab dem Käufer und uns auch ein besseres Gefühl, da wir dann mit Sicherheit sagen konnten, dass alles sicher ist. Wir wurden schnell fündig und setzten uns mit einer Tüte Chips auf eine Bank vor der Werkstatt. Wieder war da dieses kribblige Gefühl, sein Auto auf dem Prüfstand zu wissen. Aber das kannten wir ja schon vom letzten Mal und insgesamt hatte Ole das Ganze zweimal im letzten Jahr mit uns durch. Früher als erwartet kam der Mechaniker mit besorgtem Gesicht auf uns zu. Dieser Gesichtsausdruck gefiel uns gar nicht. Bis auf ein Quietschen der hinteren Stoßdämpfer und diese nervige Tachogeschichte hatten wir eigentlich nichts zu befürchten und auch keine großen Probleme mit unserem Auto gehabt und hatten die nun folgende, ernüchternde Nachricht so gar nicht erwartet. Auf der Hebebühne stellte der Mechaniker fest: Der komplette Unterboden ist von Rost befallen und er fand auch ein nicht unerheblich großes Loch. Meine Gedanken überschlugen sich: Das musste da definitiv schon länger sein. Dementsprechend hatten wir wohl mehr Glück als Verstand, dass es bei den anderen WOFs nicht gesehen wurde. So konnten wir wenigstens bis zum Ende ohne Stress reisen. Der Mechaniker sagte jedenfalls, dass das zwar reparabel wäre, aber es sich nicht lohnen würde. WOF kriegt es so nicht und er sieht es als das Ende des Autos an. Maximal 300 NZD beim Schrotthändler wären es, was wir noch erwarten könnten. Der Schreck stand uns wohl ins Gesicht geschrieben und der Mechaniker ärgerte sich stellvertretend für uns, als er hörte, für wieviel wir es ursprünglich gekauft hätten. "Halsabschneider" schimpfte er. Er musste wohl ordentlich Mitleid mit uns haben, so dass er uns die begonnene Dienstleistung nicht in Rechnung stellte und uns auch keinen Schein ausstellte. Dementsprechend galt unser alter Sticker noch. Ernüchtert fuhren wir zurück nach Hause. Die Anderen zeigten sich ähnlich bestürzt wie wir. Jeder von den Backpackern kennt andere gruselige Auto-Handel-Geschichten und keiner scheint davor gefeit zu sein. Wir überlegten gemeinsam, was wir für Alternativen hatten:

 

Variante 1: 300 NZD oder weniger beim Schrotthändler, dazu müsste man einen fairen Schrotthändler finden, der noch einen halbwegs guten Preis anbietet und nicht für das verschrotten noch Geld möchte. Zudem würden wir dann mit allerhand Campingausrüstung rumstehen... das zu verkaufen und kein Auto zu haben... wahnsinnig aufwendig, wenig rentabel und ärgerlich.

 

Variante 2: Unwissend tun und es mit dem noch gültigen WOF einfach teuer verkaufen. Jedoch spielte da unser Gewissen nicht mit. Wir waren mit der Karre bereits über den Tisch gezogen worden... warum sollten wir den nächsten unwissenden Backpackern das antun? ... Nee, war absolut keine Alternative!

 

Und Variante 3: Die Karten offen legen und das Auto mit aufgezählten Mängeln auf gut Glück auf dem Markt anbieten.

 

Wir entschieden uns für Variante 3 und  ich stellte das Auto mit obigem Bild zum Verkauf für 1200 NZD und der Einschätzung des Mechanikers ins Internet in die verschiedenen Verkaufs- und Backpackergruppen. Was dann am Abend und Folgetag passierte, hätte ich so nie erwartet: Wir wurden quasi überrannt!


Als wir am nächsten Tag von Arbeit kamen, musste ich erstmal die tausend Nachrichten sortieren! Überall kamen die dubiösen Händler aus ihren Verstecken gekrochen mit abenteuerlichsten Geschichten! Der Eine hatte just in diesem Moment einen Unfall und bräuchte genau so ein billiges Auto wie unseres ganz dringend, der andere suchte nur ein Auto zum Schlafen und benötigte wohl kein WOF... beim Blick auf die dazugehörigen Profile, in denen gerne gezeigt wurde, was man alles hat (Haus, Yacht, Auto, goldene Ringe und Kettchen), war uns dann schon alles klar. Aber sollte es doch zu nem Händler zurück gehen und die sehen, was sie damit machen. Außerdem hatten wir ja alles offen gelegt und wenn die trotz allen denken, das sie das brauchen, na dann nur zu! Und es waren nicht nur viele sondern, sie fingen auch noch an, uns zu überbieten! Bis auf 1500 NZD ging das Spielchen für ein eigentlich schrottreifes Auto! So richtig haben wir die Welt nicht mehr verstanden... Schließlich sagten wir einem zu, der unseren Preis von 1200 NZD bezahlen wollte. Seine einzige Bedingung war, dass es vorher keinem anderem gezeigt wird... merkwürdige Forderung... aber ok, wenn dem das so wichtig ist. Danach kamen noch 5 Leute, die 1500 NZD bezahlen wollten, wenn wir es uns nur nochmal überlegen und es ihnen verkaufen würden... denen haben wir dann auch noch zugesagt: Der eine muss von dem anderen ja nichts wissen.

Am Abend verabschiedeten wir uns von unserer Arbeitsgruppe: Morgen hatten wir einen gemeinschaftlichen freien Tag eingeplant, damit wir das Projekt Autoverkauf zu einem Ende führen konnten. Unsere Laune war seitdem wir von dem Zustand des Autos erfahren hatten im Keller beim Blick auf unseren doch so treuen Ole... und eigentlich wollten wir es einfach nur noch hinter uns haben. Wir fuhren mit all dem Zubehör auf den uns schon so gut bekannten Campingplatz vor den Toren Aucklands: Te Kauwhata... naja, wir hatten etwas ausgedünnt: Das Kochgeschirr brauchten wir zum Teil noch und auch ein Teil des Bettzeuges blieb bei uns. Aber einen Händler würde das mit Sicherheit wenig interessieren.

Und so hatte die letzte Nacht in unserem so vertrauten Van begonnen... etwas wehmütig wurden wir dann doch... Was hatte dieses Auto mit uns alles erlebt...


Der nächste Morgen begann, wie konnte es anders sein mit Regen! Und so blieb es passenderweise auch den ganzen Tag. Mit einer Liste von 6 Kaufinteressenten fuhren wir nach Auckland rein. Dieser Tag gestaltete sich katastrophal! Der Erste suchte eigentlich ein Auto für drei und war enttäuscht, dass da nur zwei  Sitze drin sind! Ich dachte, ich muss wahnsinnig werden... es gab Fotos von dem Auto, eine Beschreibung und dann weiß ich ja nicht, was Mensch da von einem Nissan Serena erwartet hat. Erste Absage.

 

Der Zweite hatte plötzlich heute doch keine Zeit mehr und wollte uns morgen treffen. Moment mal, da  wollten wir aber nicht mehr in Auckland sein... Zweite Absage.

 

Die Dritte hatte dann doch schon ganz unerwartet woanders ein Auto gekauft und ein zweites brauchte sie ja nicht. Dritte Absage.

 

Der Vierte traf sich mit uns, schaute unter das Auto drunter und: "Fuck, I can´t buy this." Wir haben noch versucht, wieder runter zu handeln... Aber der hat nur noch den Kopf geschüttelt und wollte nicht  mal mehr verhandeln. Vierte Absage.

 

Das war der Punkt, wo ich dachte, dass wir die Kiste nie im Leben verkauft kriegen... und anscheinend ist unser Auto wirklich arg am Ende und schrottreif. Aber so schnell gaben wir dann doch nicht auf. Zurückfahren könnten wir immer noch. Den fünften auf unserer Liste ließen wir dann trotzallem aus und steuerten gleich den an, der diese merkwürdige Bedingung gestellt hatte. Dort angekommen, eine Siedlung etwas außerhalb von Auckland, empfing uns ein mega unsympathischer Typ. Super misstrauisch und kurz angebunden. Er hat ne Probefahrt mit uns und dem Auto gemacht und uns 10000 Mal nach dem Kühlsystem gefragt. Wir haben immer wieder gesagt, dass wir damit nie Probleme hatten. Daraufhin hat der die Motorhaube geöffnet und nach der Fahrt den Kühlwasserdeckel geöffnet und fing an, rumzuschreien: Wir hätten das Ding sabotiert und kaltes Wasser eingefüllt, weil das ja viel heißer sein müsste! Wir wussten gar nicht wie uns geschieht. Unser Auto hatte andere kleine Macken... aber nie spielte Überhitzung bisher eine Rolle. Ich konnte darüber irgendwann nur noch lachen und den Kopf schütteln. Das muss ihn dann irgendwie wieder auf den Boden gebracht haben. Der rostige Unterboden dagegen schien ihn gar nicht zu interessieren. Er würden den WOF-Sticker schon bekommen, erwähnte er beiläufig... Na da weiß man ja bescheid.

"Habt ihr das Auto vorher schon jemand anderem gezeigt?!", blaffte er uns plötzlich an. Ich antwortete so abgebrüht, wie möglich: "Neeeeeiiiiin..." Kai kam mir glücklicherweise zu Hilfe: "Natürlich nicht, du hast gesagt, du willst es haben und der erste sein und wir halten uns daran." Er musterte uns eindringlich: "Warum habt ihr dann nicht Bescheid gesagt, als ihr losgefahren seid, sondern erst so kurz vorher?" Ich war so dankbar, dass ich diesmal da nicht um eine Antwort aufgrund unseres gestrigen Schriftverkehrs verlegen war: "DU wolltest 30 Minuten vor unserer Ankunft bescheid wissen und nicht bei unserer Losfahrt!" Er grummelte... Natürlich ließ er nichts unversucht und handelte uns noch runter. Aber wir waren an einem Punkt, wo wir das Auto einfach nur noch loswerden wollten. 1100 NZD drückte er uns in die Hand und fuhr uns noch zum nächsten Bahnhof. Wir nahmen das Geld und beeilten uns, im Getümmel unterzukommen.  Wir hatten die Nase gestrichen voll von diesen unehrlichen Cardealern... .

Auf den ganzen Schreck gönnten wir uns in Central-Auckland angekommen erstmal ein gutes Mittagessen und statteten danach dem IEP-Büro einen kleinen Besuch ab um uns aufzuwärmen und zu trocknen. Hier organisierten wir uns einen Mietwagen für die letzten drei Wochen. Das klappte ohne Probleme und so waren wir mit einem leise schnurrenden Auto mit Aufkleber KEEP LEFT neben dem Lenkrad und so gar keinen Störgeräuschen schon bald auf dem Weg "nach Hause". Das war ein ganz anderes, luxuriöses Fahrgefühl... und irgendwie fühlten wir uns befreit und erleichtert. Natürlich hatten wir ein Verlustgeschäft gemacht und man hätte sich ärgern können... aber wozu? Diese Situation war für uns bestmöglich ausgegangen und wir schauten auf ein ganzes Jahr toller Erinnerungen zurück!!! Der Zweitschlüssel klimperte in Kais Hosentasche... vor Schreck hatten wir den vergessen abzugeben... naja... das war eine ganz eigene Erinnerung an unseren guten Ole!

 

Wir haben in der vergangenen Zeit noch ein paar mal geschaut, ob unser Ole nochmal für Neuseelands Straßen zugelassen wurde... bis zum heutigen Tag gab es keine neue Registrierung, so dass wir davon ausgehen, die letzte Reise mit ihm durch ganz Neuseeland gemacht zu haben... und uns gewiss sind, dass keine weiteren Backpacker mit ihm übers Ohr gehauen wurden. Ein kleiner, aber wichtiger Trost. :)

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